Fragestellung und Relevanz

Stadtplanung beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie urbane Entwicklungen bestimmter Regionen verlaufen sollen. Entscheidungen, die zu dieser Fragestellung getroffen werden, haben langfristige Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen. Stadtgestalterische Maßnahmen betreffen direkt und indirekt eine Vielzahl verschiedener Personengruppen (Stakeholder) mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Interessen. Doch bei welcher dieser Personengruppen liegt die Entscheidungsgewalt und -verantwortung, welche Projekte mit welchen Zielen realisiert werden? In der parlamentarischen Demokratie obliegt sie den gewählten Vertretern in der Politik. „Doch mit zunehmender Komplexität der Problemstellungen und steigender Zahl der direkt Betroffenen scheint die tradierte Entscheidungsfindung nicht mehr genügend breit abgestützt.“ (Baccini & Oswald 2003: 254) Deshalb bemüht sich die heutige Stadtplanung darum, in so genannten Betiligungsverfahren möglichst viele Stakeholdergruppen aktiv am Planungsprozess zu beteiligen. Ziel dieses partizipativen Planens ist es, eine für alle Stakeholder tragbare Lösung zu entwickeln. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei komplexen Problemstellungen gegenläufige Interessen aufeinanderprallen. Investoren und Bauherren beispielsweise streben nach größtmöglichem Handlungsspielraum, dagegen versuchen manche Bürger vor Ort, ein Planungsvorhaben gänzlich zu verhindern. (vgl. Baccini & Oswald 2003: 255) Beide dieser Stakeholdergruppen nehmen aktiv Einfluss auf den Planungsprozess und verfolgen dabei ihre eigenen Interessen. Doch wem kann nun Recht gegeben werden? Wessen Interessen sind als die wichtigeren zu werten? Wer bestimmt also, was „gesollt werden soll?“ (Rittel 1972: 275) Auf diese Frage kann es keine Antworten mit Anspruch auf höhere Objektivität oder gar Optimalität geben. „Jede Antwort ist politisch in dem Sinne, daß sie nicht nur davon abhängt, wie jemand seine eigenen, direkten Vor- und Nachteile infolge eines Projekts einschätzt, sondern auch, ob und wie er die Betroffenheit anderer sieht und bewertet […].“ (Rittel 1972: 275)

In der Stadtplanung werden deshalb alle Stakeholder als Experten ihrer eigenen Lebensumstände betrachtet. (vgl. Rittel 1972: 294)  Die Planung wird zu einem argumentativen, sozialen Prozess. Alle Stakeholder, egal ob Investoren, Bürger, Politiker oder gar die Planer verfolgen wissentlich oder unwissentlich ihre eigenen Interssen. Deshalb streben die Planer danach, in einem argumentativen Prozess eine möglichst breite Beteiligung aller Stakeholder herzustellen. So werden die Interessen einzelner abgeschwächt und es entsteht eine neue Argumentation, die sich stärker am Gemeinwohl als an den Interessen einzelner orientiert. Alle, von einem Planungsvorhaben betroffenen, Menschen zu aktivieren und gestaltend mit einzubeziehen ist kein einfaches Unterfangen. Oftmals setzen sich diejenigen durch, die über großen politischen, finanziellen oder sozialen Einfluss verfügen. Gerade bei Bürgerpartizipation gilt oftmals: Laut gewinnt. „Die Nutzerpartizipation ist immer auch eine Beteiligung derjenigen, die sich besonders gut durchsetzen und ausdrücken können und Kraft für dieses Engagement haben. Es etabliert sich sozusagen eine neue Partizipationselite, die Schwachen bleiben weiter sprachlos außen vor.“ (Kiefer 2010: 32) Oftmals haben Planungsprojekte gerade auf schwach repräsentierte Personengruppen große Auswirkungen. Senioren mit niedrigem Einkommen und sehr kleiner Wohnung beispielsweise sind auf urbane Freiräume, wie öffentliche Plätze oder Parkanlagen, als Erweiterung ihrer Wohnfläche angewiesen. Die Freiräume haben für sie eine existenzielle Bedeutung, in klassischen Partizipationsverfahren sind sie jedoch oftmals unterrepräsentiert. Stakeholder, die sich nicht von sich aus aktiv be­teiligen, erfahren erst zu einem sehr späten Zeitpunkt von den Planungsvorhaben. Lokales Wissen bleibt ungenutzt und Menschen fühlen sich übergangen.

Angesichts dieser Problemstellung untersucht diese Masterarbeit, wie Planungen lokal sichtbar gemacht und Menschen in den Partizipationsprozess eingebunden werden können. Ziel ist es, einen breiten Querschnitt der Stakeholder schon frühzeitig gestaltend in den Planungsprozess einzubeziehen. Auch lokales Wissen der Bürger soll für den Planungsprozess nutzbar gemacht werden. Folgende Hypothese und Fragestellung sollen in diesem Projekt gestalterisch untersucht werden:

Hypothese

Planungen der Stadtplanung sind meist nur als technische Zeich­nungen und Modelle visualisiert. Bürger vor Ort, die nicht aktiv am Planungsprozess parti­zipieren, werden von den Planungen oftmals nicht erreicht.

Fragestellung

Wie können Planungen der Stadtplanung mit szeno­grafischen und digitalen Mitteln lokal sichtbar gemacht werden? Öffentlichkeits­wirksam, informativ und motivierend?

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